Du bist fremdgegangen – warum „Es tut mir leid“ deiner Partnerin nicht reicht

Verzweifelte Frau hält den Kopf in den Händen und symbolisiert das Gedankenkarussell nach einer Affäre.


Du bist fremdgegangen. Die Affäre ist aufgeflogen und seitdem hast du wahrscheinlich einen Satz ziemlich oft gesagt: „Es tut mir leid.“


Und ich gehe erst einmal davon aus, dass du das ernst meinst. Dass du sie nicht verlieren willst. Dass du siehst, wie schlecht es ihr geht, und am liebsten ungeschehen machen würdest, was passiert ist. Also entschuldigst du dich wieder. Du sagst ihr, dass es ein riesiger Fehler war, dass du sie liebst und dass du alles dafür tun würdest, damit es wieder gut wird.

Trotzdem sitzt sie Wochen später vor dir und sagt: „Du verstehst überhaupt nicht, was du mir damit angetan hast.“


Autsch. Schließlich hast du dich entschuldigt, bereust die Affäre und willst es jetzt verdammt noch mal richtig machen. Was genau sollst du denn noch verstehen?


Eine ganze Menge. Denn zu bereuen, was du getan hast, und zu verstehen, was du damit bei deiner Partnerin angerichtet hast, sind zwei verschiedene Dinge.


Reue und Verstehen sind nicht dasselbe

Du kannst deine Affäre zutiefst bereuen und trotzdem noch nicht wirklich verstanden haben, was sie bei deiner Partnerin ausgelöst hat. Du kannst deine Affäre zutiefst bereuen und trotzdem noch nicht wirklich verstanden haben, was sie bei deiner Partnerin ausgelöst hat. Denn wenn du sagst „Ich bereue es“, bist du gedanklich oft noch bei dir: bei dem, was du getan hast, bei deinem schlechten Gewissen und vielleicht auch bei der Angst, sie jetzt zu verlieren. Und glaub mir, Schuld und Scham können schon ordentlich reinhauen.


Nur beantwortet all das noch nicht die Frage, die für deine Partnerin gerade viel wichtiger ist: Hast du eigentlich verstanden, was deine Affäre bei ihr angerichtet hat? Denn während du mit deiner Reue kämpfst, versucht sie gerade, ihr Bild von dir, von eurer Beziehung und manchmal sogar von sich selbst neu zu sortieren.


Für sie ist nicht nur eine Affäre aufgeflogen

Stell dir vor, du erfährst von heute auf morgen, dass ein Teil deines bisherigen Lebens anders war, als du dachtest. Situationen, über die du nie groß nachgedacht hast, bekommen plötzlich eine zweite Bedeutung. Ein Abend mit Freunden. Eine Geschäftsreise. Eine Nachricht. Eine Phase, in der der andere ungewöhnlich distanziert war.


Auf einmal beginnt deine Partnerin, rückwärts zu rechnen. War das damals schon? Lief die Affäre während unseres Urlaubs bereits? Als du neben mir im Bett lagst, hast du da schon mit ihr geschrieben? Und dann kommt häufig noch eine besonders fiese Frage dazu: Wie konnte ich das nicht merken?


Das ist ein Punkt, den untreue Partner leicht unterschätzen. Der Betrug erschüttert nicht nur das Vertrauen in dich. Er kann auch das Vertrauen deiner Partnerin in sich selbst erschüttern. Ihre Wahrnehmung stimmt plötzlich nicht mehr mit dem überein, was tatsächlich passiert ist.


Deshalb kann dein „Es tut mir leid“ vollkommen ehrlich sein und sie trotzdem nicht erreichen. Du entschuldigst dich für deine Affäre. Sie sitzt möglicherweise noch vor einem viel größeren Scherbenhaufen.


„Ich wollte dir nicht wehtun“ macht es leider nicht besser

Dieser Satz fällt nach Affären ziemlich häufig. Und ich verstehe, was damit gemeint ist. Du bist schließlich nicht morgens aufgestanden und hast beschlossen: Heute zerstöre ich mal möglichst effizient das Vertrauen meiner Partnerin.


Trotzdem ist „Ich wollte dir nicht wehtun“ für einen betrogenen Menschen schwer zu hören. Denn natürlich wolltest du den Schmerz nicht. Du wolltest vermutlich vor allem, dass sie nichts davon erfährt. Und das ist etwas anderes.


Während du wusstest, was tatsächlich passiert, lebte deine Partnerin mit einer anderen Version eurer Beziehung. Sie konnte nicht selbst entscheiden, ob sie unter diesen Bedingungen weiterhin mit dir zusammen sein möchte, weil sie diese Bedingungen gar nicht kannte.


Deshalb geht es bei der Verletzung eben nicht nur um Sex, Nachrichten oder Gefühle für einen anderen Menschen. Es geht auch um Heimlichkeit, Lügen und darum, dass ihr über einen gewissen Zeitraum nicht dieselbe Realität geteilt habt.


Versuch nicht sofort zu erklären. Versuch erst einmal zu verstehen.

Wenn deine Partnerin dir erzählt, was die Affäre mit ihr gemacht hat, entsteht schnell ein Reflex. Du möchtest etwas richtigstellen. „So war das aber nicht.“ „Das habe ich nicht so gemeint.“ „Ich habe dich trotzdem geliebt.“ „Unsere Beziehung war für mich nicht schlecht.“

All das kann sogar stimmen. Nur beantwortet es gerade eine andere Frage.


In diesem Moment geht es nicht darum, was du dabei gedacht oder gefühlt hast. Es geht darum, was deine Affäre bei ihr angerichtet hat. Und das lässt sich leider nicht mit „So war das aber nicht gemeint“ wegdiskutieren.


Du kannst sie während der Affäre geliebt haben – und sie fühlt sich trotzdem ausgetauscht. Du kannst sie attraktiv gefunden haben – und sie steht seit der Affäre trotzdem vor dem Spiegel und sucht nach dem, was an ihr angeblich nicht gereicht hat. Du kannst eure gemeinsamen Jahre als echt empfunden haben – und sie fragt sich trotzdem, welcher Teil davon überhaupt noch wahr war.


Wenn du auf jedes dieser Gefühle sofort mit einer Erklärung reagierst, kann bei ihr schnell etwas ganz anderes ankommen: Er versucht schon wieder, mir zu erklären, warum ich es falsch sehe.


Manchmal ist deshalb eine wesentlich unspektakulärere Reaktion hilfreicher: zuhören, nachfragen und erst einmal aushalten. Das klingt einfach. Wenn du vor einem Menschen sitzt, den du liebst, und hören musst, was dein Verhalten in ihm angerichtet hat, ist es das allerdings überhaupt nicht.


Wofür genau tut es dir eigentlich leid?

Das ist eine Frage, die du dir ruhig einmal ernsthaft stellen kannst. Denn „Es tut mir leid, dass ich fremdgegangen bin“ ist schnell gesagt. Aber was genau steckt für dich dahinter?


Tut es dir leid, dass deine Partnerin jetzt leidet? Dass du sie angelogen hast? Dass du ihr Vertrauen missbraucht hast? Dass du ihr über einen gewissen Zeitraum Informationen vorenthalten hast, die für ihre eigenen Entscheidungen wichtig gewesen wären? Dass sie heute an sich selbst zweifelt? Oder vor allem, dass deine Affäre aufgeflogen ist und du jetzt Angst hast, deine Beziehung zu verlieren?


Das ist kein Wortklauben. Es macht einen Unterschied.


Je genauer du selbst verstehst, was du eigentlich bereust, desto eher kannst du deiner Partnerin zeigen, dass du nicht nur die Konsequenzen für dich siehst. Denn genau da bleiben Entschuldigungen manchmal hängen: Ich habe einen riesigen Fehler gemacht. Ich habe solche Angst, dich zu verlieren. Ich schäme mich so. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.


Das sind echte Gefühle. Aber sie handeln zunächst einmal sehr viel von dir.


Deine Partnerin möchte möglicherweise etwas anderes spüren: Dass du langsam begreifst, was deine Entscheidung für sie bedeutet hat.


Du musst ihre Verletzung nicht genauso empfinden, um sie ernst zu nehmen

Du wirst die Affäre nie aus derselben Perspektive erleben wie deine Partnerin. Das geht auch gar nicht. Du warst auf der anderen Seite dieser Geschichte.


Deshalb musst du nicht exakt nachempfinden können, warum eine bestimmte Situation sie so sehr trifft. Du musst nicht jede ihrer Reaktionen nachvollziehen können. Aber statt sie vorschnell als übertrieben abzutun, solltest du versuchen zu verstehen, was dahintersteckt.


Was verletzt sie am meisten? Der Sex? Die Lügen? Die Dauer der Affäre? Dass andere davon wussten? Dass sie dir währenddessen vertraut hat? Dass sie sich im Nachhinein gedemütigt fühlt? Dass sie plötzlich an ihrem Körper zweifelt? Oder dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut?


Du musst die Antwort darauf nicht erraten. Du kannst sie fragen. Und dann versuchst du, die Antwort nicht sofort zu erklären, zu korrigieren oder für dich erträglicher zu machen.


Ein Satz wie „Ich verstehe langsam, warum dich genau das so verletzt“ kann manchmal mehr bewirken als die hundertunderste Entschuldigung.


„Es tut mir leid“ darf der Anfang sein

Ich möchte eine Entschuldigung gar nicht kleinreden. Im Gegenteil. Eine ernst gemeinte Entschuldigung ist wichtig. Nur wird sie irgendwann hohl, wenn danach nichts mehr kommt.


Wenn du wirklich verstehen möchtest, was deine Affäre angerichtet hat, geht es nicht darum, immer neue Versionen von „Sorry“ zu finden. Es geht darum, dich mit etwas auseinanderzusetzen, das wesentlich unangenehmer ist: mit der Erfahrung des Menschen, den du verletzt hast.


Dabei wirst du Dinge hören, die wehtun. Dinge, bei denen du dich verteidigen möchtest. Dinge, die nicht deiner eigenen Wahrnehmung entsprechen. Du musst nicht allem zustimmen. Aber du solltest versuchen zu verstehen, warum es sich für deine Partnerin so anfühlt.


Denn genau dort verändert sich etwas Entscheidendes. Aus „Es tut mir leid, dass ich fremdgegangen bin“ kann langsam etwas anderes werden:


„Ich beginne zu verstehen, was mein Fremdgehen mit dir gemacht hat.“


Und das ist für einen Neuanfang eine verdammt wichtige Entwicklung.





Wenn du dir für diese schwierige Zeit zusätzlich eine persönliche Geschichte mit konkreten Impulsen wünschst, findest du in meinem Buch „Neuanfang für die Beziehung nach einer Affäre“ weitere Unterstützung.


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