Warum die Affäre meines Mannes für uns ein Weckruf war

Herz aus Seil symbolisiert eine Beziehung, die trotz Krise zusammenhält.

Mein Mann hatte vor einigen Jahren eine Affäre mit seiner Kollegin. Unsere Kinder waren damals gerade einmal drei und fünf Jahre alt. Er war beruflich auf der Überholspur und kletterte munter die Karriereleiter hinauf. Ich dagegen hatte gerade eine neue Teilzeitstelle begonnen und trug zu Hause die komplette Care-Arbeit. Ein klassisches Rollenmodell, in dem sich vermutlich viele Frauen mit kleinen Kindern wiederfinden.


Ich persönlich konnte mich mit dieser neuen Lebenssituation nie wirklich arrangieren. Vor meinen Schwangerschaften war ich eine selbstbewusste und ambitionierte Frau mit tollen beruflichen Perspektiven. Natürlich war mir klar, dass das Muttersein auch berufliche Zugeständnisse mit sich bringen würde. Und das war für mich grundsätzlich auch in Ordnung – schließlich waren beide Kinder absolute Wunschkinder und standen für mich an erster Stelle. Aber die Summe all dieser Veränderungen war für mich zu groß. Rückblickend war ich damals sehr nah an einer Depression.


In meiner neuen Teilzeitstelle fühlte ich mich mental unterfordert und beruflich nicht wertgeschätzt. Mein Mann war häufig auf Dienstreisen, und die komplette Verantwortung für zwei kleine Kinder und das Haus lag bei mir. Der Schlafmangel der vergangenen Jahre steckte mir noch tief in den Knochen, und Unterstützung aus der Familie gab es kaum. Die einen Großeltern waren noch berufstätig und wohnten zu weit weg. Von meiner eigenen Mutter kam leider ebenfalls wenig Hilfe. Stattdessen gab es ungefragte Erziehungstipps, ständige Belehrungen und Nörgeleien – also genau das, was man in so einer Situation am wenigsten braucht.


„Me Time“ war für mich damals ein absolutes Fremdwort. Ich funktionierte nur noch – wie eine Maschine – und hatte mich selbst dabei komplett aus den Augen verloren.



Wie wir uns immer weiter voneinander entfernt haben

Auch die Beziehung zu meinem Mann kannte in dieser Zeit nur noch eine Richtung: bergab. Unsere Leben liefen in völlig unterschiedliche Richtungen. Während ich mich wie eine vertrocknende Pflanze immer mehr zurückzog, hatte mein Mann Spaß an seinen neuen beruflichen Aufgaben, stieg in die Führungsetage auf und genoss seinen Erfolg. Sein Ego bekam Aufwind, während ich innerlich immer kleiner wurde.


Wir entfremdeten uns zunehmend. Wir stritten häufiger, und wenn wir einmal nicht stritten, schwiegen wir uns tagelang an. Nähe, Leichtigkeit und echtes Miteinander waren längst verloren gegangen.


Und dann flog seine Affäre auf.


Mit einem Schlag wurde mir der Teppich unter den Füßen weggezogen. Ich setzte ihn vor die Tür und brauchte einige Wochen, um überhaupt wieder halbwegs klar denken zu können. Rückblickend war dieser knallharte Aufprall notwendig. Er hat mich wachgerüttelt und mir die Misere der letzten Jahre schonungslos vor Augen geführt.


Nachdem ich einige Wochen lang meine Wunden geleckt, die Geschehnisse langsam verdaut und mein Selbstbewusstsein ein Stück weit wiederbelebt hatte, blickte ich den Tatsachen ins Auge. Ich wollte raus aus der Opferrolle und hatte im Grunde drei Möglichkeiten.



1. Trennung

Ich kann jede betrogene Frau verstehen, die sich nach einer Affäre für eine Trennung entscheidet. Manchmal sind die Verletzungen zu tief, das Vertrauen zu stark zerstört und das Verzeihen schlicht unmöglich. Dann gibt es für die Beziehung keine tragfähige Grundlage mehr.


Manchmal hat man es auch mit einem notorischen Fremdgeher zu tun. Oder mit einem Partner, der zwar beteuert, die Beziehung retten zu wollen, aber nicht bereit ist, echte Veränderungen vorzunehmen. Auch das macht einen Neuanfang nahezu unmöglich.

Und manchmal ist die Liebe schon lange vorher erloschen. Viele Frauen sind in ihrer Beziehung seit Jahren unglücklich und halten nur noch wegen der Kinder, des Hauses oder aus finanziellen Gründen daran fest. Die Affäre ist dann nicht die eigentliche Ursache für das Ende, sondern nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.


All diese Gründe trafen auf mich jedoch nicht zu. Die Affäre meines Mannes war eine gravierende Grenzüberschreitung, die er sehr bereute. Er übernahm die volle Verantwortung für sein Verhalten, bat mich glaubwürdig um Verzeihung und leistete nicht nur leere Lippenbekenntnisse, sondern echte Wiedergutmachungsarbeit. Er wollte unsere Familie zurück – und war bereit, dafür etwas zu tun.


Und auch ich spürte trotz aller Verletzung noch Gefühle für ihn.


Eine Trennung, ohne uns überhaupt noch eine ehrliche Chance gegeben zu haben, hätten wir beide später vermutlich bereut.



2. Einfach weitermachen wie bisher

Die zweite Möglichkeit wäre gewesen, die Beziehung einfach fortzuführen. Business as usual. So zu tun, als könnte man nach einer Affäre irgendwann wieder zur alten Normalität zurückkehren.


Für mich war auch diese Option komplett ausgeschlossen.


Und trotzdem ist genau das etwas, was viele Paare nach einer Krise tun. Zuerst knallt es gewaltig – zum Beispiel durch das Auffliegen einer Affäre. Dann wird geweint, gebettelt, entschuldigt und um Vergebung gebeten. Es folgt eine kurze Hochphase: Man bemüht sich wieder mehr umeinander, hat häufiger Sex, streitet weniger, der Mann bringt vielleicht sogar Blumen mit nach Hause, und plötzlich wirkt alles wieder erstaunlich harmonisch.


Nur leider hält diese Phase oft nicht lange. Denn wenn die eigentlichen Ursachen der Krise nie wirklich aufgearbeitet werden, landet man früher oder später wieder genau im alten Trott. In denselben Konflikten, denselben Verletzungen und denselben Verhaltensmustern. Bedürfnisse werden aus Angst vor neuem Streit lieber runtergeschluckt, Sorgen nicht angesprochen, und nach außen spielt man weiter die funktionierende Beziehung.


Hinzu kommt, dass hinter diesem „Weitermachen wie bisher“ oft auch existentielle Ängste stehen. Noch immer leben viele Paare in einer klassischen Rollenverteilung: Er verdient das Geld, sie übernimmt einen Großteil von Haus- und Familienarbeit und steckt beruflich zurück. Genau dadurch geraten viele Frauen im Laufe der Jahre in eine finanzielle Abhängigkeit – und das kann in einer Beziehungskrise zu einem massiven Problem werden. Plötzlich stehen Fragen im Raum wie: Wie soll ich die Kinder und mich allein versorgen? Wie soll ich mit einer kleinen Teilzeitstelle eine Wohnung bezahlen? Was passiert mit dem Haus? Wie soll ich mir überhaupt einen Anwalt leisten? Diese Ängste sind real. Und sie führen leider dazu, dass manche Frauen lieber in einer unglücklichen Beziehung bleiben, als sich der Unsicherheit einer Trennung zu stellen. Nach außen wirkt dann alles intakt, während innerlich längst nichts mehr heil ist.


Für mich war klar: So wollte ich nicht leben.



3. Ein Neuanfang – aber nur mit echten Veränderungen

Die ersten beiden Optionen kamen für mich nicht infrage. Ich hatte durch die Affäre meines Mannes einen emotionalen Tiefpunkt erreicht – und ich schwor mir, nie wieder so unglücklich zu sein. Ein Neuanfang war für mich deshalb nur unter einer Bedingung vorstellbar: Es musste sich grundlegend etwas verändern. Nicht ein bisschen. Nicht oberflächlich. Sondern wirklich tiefgreifend.


Mein Mann sah das übrigens genauso.


Also stellten wir uns gemeinsam dieser Herausforderung und drehten unsere Beziehung komplett auf links. Wir fragten uns: Was ist bei uns eigentlich schiefgelaufen? Wo haben wir uns verloren? Wie konnte es überhaupt zu dieser Affäre kommen? Was vermissen wir? Was wünschen wir uns voneinander? Welche Kompromisse haben uns auf Dauer unglücklich gemacht?


Es waren viele unbequeme Fragen – und noch unangenehmere Antworten.


Natürlich vollzieht man solche Veränderungen nicht von heute auf morgen. Unser Prozess hat viele Monate gedauert und war emotional extrem aufwühlend. Es gab Rückschläge, Zweifel und Momente, in denen ich nicht wusste, ob wir das wirklich schaffen können. Wenn man den ganzen alten Beziehungsdreck wieder hochholt und gründlich durchkaut, kostet das unfassbar viel Kraft.


Manchmal hatten wir das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken. Dann sahen wir keinen Ausweg mehr. Genau in dieser Phase haben wir uns Unterstützung bei einem Paartherapeuten geholt – und das war eine der besten Entscheidungen, die wir treffen konnten.



Wo würden wir heute ohne die Affäre stehen?

Ich habe mich oft gefragt, wie unsere Beziehung wohl verlaufen wäre, wenn die Affäre nie aufgeflogen wäre.


Mein Mann und ich waren damals bereits dabei, uns immer weiter voneinander zu entfernen. Wir haben kaum noch richtig miteinander gesprochen. Und wenn doch, dann haben wir aneinander vorbeigeredet, gestritten oder geschwiegen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich all das irgendwann von selbst wieder eingerenkt hätte.


Vielleicht hätten wir irgendwann gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann. Vielleicht hätten wir uns Hilfe gesucht – oder eben auch nicht. Vielleicht hätten wir, wie so viele andere Paare, einfach unzufrieden nebeneinanderher gelebt, nach außen das Bild der intakten Familie aufrechterhalten und nur noch funktioniert.


Ich weiß es nicht.


Was ich aber weiß: Die Affäre war für uns ein längst überfälliger Weckruf. Sie hat uns gezwungen, hinzusehen. Auf unsere Beziehung. Auf unsere Verletzungen. Auf unsere Muster. Auf das, was zwischen uns verloren gegangen war.


Heute gehen wir achtsamer miteinander um. Wir denken stärker im „Wir“, ohne uns selbst dabei aus dem Blick zu verlieren. Wir kommunizieren unsere Bedürfnisse klarer, hören einander besser zu und geben uns gegenseitig den Freiraum, den jeder von uns braucht. Richtig miteinander zu sprechen und dem anderen wirklich zuzuhören, gehört bis heute zu den wichtigsten Dingen, an denen wir arbeiten.


Gemeinsam das Leben zu genießen, eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen und den anderen nie als selbstverständlich zu betrachten – das sind die neuen Grundpfeiler unserer Beziehung geworden.


Ich wünsche mir sehr, dass mein Mann und ich gemeinsam alt und glücklich werden. Und ich finde, wir sind auf einem guten Weg. Natürlich würde ich niemals meine Hand dafür ins Feuer legen, dass eine Beziehung für immer hält. Aber die Affäre ist nun einmal Teil unserer Geschichte geworden. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern – nur den Umgang damit.


Ich habe diese Erfahrung für mich angenommen und versucht, das Beste daraus zu machen. Und ich bin heute glücklich mit dieser Entscheidung.




Wenn du dir für diese schwierige Zeit zusätzlich eine persönliche Geschichte mit konkreten Impulsen wünschst, findest du in meinem Buch „Neuanfang für die Beziehung nach einer Affäre“ weitere Unterstützung.



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