Warum ich keine Angst habe, wieder betrogen zu werden

„Hast du denn gar keine Angst, dass dein Mann dich wieder betrügt?“
Diese Frage wurde mir in den vergangenen Jahren ziemlich oft gestellt. Und ich kann sie verstehen. Schließlich weiß ich heute besser als früher, dass auch ein Mensch fremdgehen kann, bei dem man sich ziemlich sicher war: Meiner macht so etwas nicht.
Trotzdem lautet meine Antwort heute: Nein, ich habe keine Angst davor. Nicht, weil ich inzwischen hellsehen kann oder glaube, mein Mann sei nach einer Affäre offiziell gegen weitere Fehltritte immun. Diese Garantie kann mir niemand geben. Aber ich brauche sie heute auch nicht mehr.
Das war nach der Affäre natürlich komplett anders. Damals wollte ich wissen, wo mein Mann war, mit wem er sprach und ob das, was er mir erzählte, tatsächlich stimmte. Sein Handy war plötzlich nicht mehr einfach nur ein Handy und eine Verspätung nicht einfach eine Verspätung. Mein Vertrauen war im Keller und mein Kopf dafür im 24-Stunden-Schichtdienst.
Am Anfang brauchte ich Kontrolle
Mein Mann wusste, dass ein „Du kannst mir wieder vertrauen“ ungefähr so hilfreich gewesen wäre wie ein Regenschirm mit Loch. Also schuf er Transparenz. Er meldete sich, wenn er später kam, rief zwischendurch von der Arbeit an und erzählte mir von notwendigen beruflichen Kontakten mit der anderen Frau. Ich durfte Dinge überprüfen, die mich vor der Affäre überhaupt nicht interessiert hätten.
Heute würde ich sagen: Diese Kontrolle war damals meine Krücke. Mein Vertrauen war komplett weg und ich brauchte zunächst etwas anderes, woran ich mich festhalten konnte. Entscheidend war aber, dass seine Worte über längere Zeit zu seinem Verhalten passten. Er sagte, wo er war – und dort war er. Er kündigte Dinge an und hielt sich daran. Aus vielen ziemlich unspektakulären Erfahrungen entstand langsam wieder Vertrauen.
Und irgendwann passierte etwas Interessantes: Ich fragte immer seltener nach. Nicht, weil ich mir morgens vor dem Spiegel vorgenommen hatte, ab heute bitte wieder die entspannte Partnerin zu geben. Ich brauchte es einfach nicht mehr so sehr. Je mehr Sicherheit durch sein tatsächliches Verhalten zurückkam, desto uninteressanter wurden Kontrollen für mich. Genau diesen Prozess beschreibe ich auch in meinem Buch: Die anfangs enorme Transparenz wurde mit der Zeit schlicht weniger wichtig.
Irgendwann wurde mir klar: Ich kann ihn sowieso nicht kontrollieren
Theoretisch hätte ich natürlich weitermachen können. Handy kontrollieren, Onlinezeiten beobachten, bei jeder Dienstreise nervös werden und jede neue Kollegin gedanklich vorsorglich einmal durch den Sicherheitscheck schicken. Nur hätte mir all das trotzdem keine Garantie gegeben.
Wenn ein Mensch wirklich fremdgehen möchte, kann ich ihn langfristig kaum davon abhalten, indem ich besonders gründlich kontrolliere. Diese Erkenntnis fand ich anfangs ziemlich beschissen. Später fand ich sie erstaunlich befreiend.
Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, jede denkbare Gefahr auszuschließen. Viel wichtiger wurde eine andere Frage: Was wäre eigentlich, wenn es tatsächlich noch einmal passieren würde?
Es würde mir wehtun. Vermutlich sogar verdammt weh. Aber ich wäre heute nicht mehr die Frau, die ich damals war.
Denn die Affäre hat nicht nur unsere Beziehung verändert
In den Jahren vor der Affäre hatte ich mich selbst ziemlich aus den Augen verloren. Zwei kleine Kinder, wenig Schlaf, Job, Haus, Alltag – ich funktionierte und stellte meine eigenen Bedürfnisse ziemlich zuverlässig irgendwo ganz hinten an. Mein Selbstbewusstsein hatte dabei ordentlich Federn gelassen. Von der selbstbewussten Frau, die ich einmal gewesen war, war zeitweise nicht mehr wahnsinnig viel übrig.
Nach der Affäre wurde mir ziemlich brutal klar, wie weit ich mich von mir selbst entfernt hatte. Mit therapeutischer Unterstützung fing ich an, meine eigenen Bedürfnisse wieder ernster zu nehmen, Grenzen klarer zu setzen und Dinge nicht mehr endlos herunterzuschlucken. Vor allem lernte ich, meine Sicherheit nicht komplett davon abhängig zu machen, was ein anderer Mensch tut.
Das bedeutet auch, meiner eigenen Wahrnehmung wieder mehr zu vertrauen. Vor der Affäre hatte mein Bauch längst Alarm geschlagen und ich hatte trotzdem immer wieder überlegt, ob ich vielleicht übertreibe, zu eifersüchtig bin oder mir das alles nur zusammenfantasiere. Heute würde ich meinen inneren Alarm nicht mehr so schnell auf „Ach, stell dich nicht so an“ drücken.
Und was ist mit meinem Mann?
Natürlich spielt auch sein Verhalten eine Rolle dabei, dass ich heute keine Angst mehr habe. Er kennt inzwischen nicht nur Aufmerksamkeit, Bestätigung und Nervenkitzel einer Affäre, sondern auch die deutlich weniger prickelnde Rückseite: Lügen, Stress, Scham und die sehr reale Möglichkeit, seine Familie zu verlieren.
Vor allem blieb es nicht bei einem „Tut mir leid, passiert nie wieder“. In den Jahren danach musste ich nicht seinen Versprechen glauben, sondern konnte sein Verhalten beobachten. Und das ist für mich bis heute der wesentlich bessere Gradmesser.
Auch unsere Beziehung hat sich verändert. Wir sprechen Probleme früher an, sagen eher, wenn uns etwas fehlt, und hoffen nicht mehr monatelang darauf, dass der andere irgendwann spontan hellseherische Fähigkeiten entwickelt. Vieles, was wir vor der Affäre ziemlich erfolgreich unter den Teppich geschoben hatten, kommt heute schneller auf den Tisch.
Das überzeugt mich wesentlich mehr als jedes große Versprechen, das mit „Ich schwöre dir, dass ich niemals wieder …“ beginnt.
Warum ich heute keine Garantie mehr brauche
Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt: Vertrauen bedeutet, sicher zu sein, dass mein Partner mich niemals betrügen wird. Heute sehe ich das anders. Ich vertraue meinem Mann, obwohl ich gleichzeitig weiß, dass ich keinen anderen Menschen für die nächsten zwanzig Jahre mit Garantiesiegel versehen kann.
Ich kann anschauen, wie er sich heute verhält und wie wir heute miteinander leben. Und ich kann mir selbst vertrauen. Ich weiß besser, was ich brauche, wo meine Grenzen liegen und dass ich handeln würde, wenn etwas für mich nicht mehr stimmt.
Das heißt nicht, dass ein erneuter Betrug mir nichts ausmachen würde. Natürlich würde er mich verletzen. Aber meine ganze Sicherheit hängt heute nicht mehr daran, dass mein Mann mich niemals verlässt, niemals betrügt und bitte für den Rest seines Lebens keine größere Dummheit mehr begeht.
Ich wünsche mir sehr, mit diesem Mann alt zu werden. Ob das so kommt, weiß ich nicht. Diese Garantie hatte ich übrigens auch vor der Affäre nicht – ich dachte damals nur, ich hätte sie.
Und wenn doch noch mal alles anders kommt? Dann wird es wehtun. Aber hey – ich weiß heute: Ich werde okay sein.
Du möchtest ihm irgendwann wieder vertrauen – aber vor allem auch dir selbst?
Mein 115-seitiges Workbook für Betrogene hilft dir, nach der Affäre wieder mehr Sicherheit zu finden: im Umgang mit Misstrauen und Triggern, beim Setzen deiner Grenzen und bei der Frage, was du brauchst, damit du dich in deiner Beziehung – und mit dir selbst – wieder sicherer fühlen kannst.
Erst mal reinlesen? Hier findest du die kostenlose Leseprobe →








