Einmal Fremdgeher, immer Fremdgeher?
Kaum ein Satz taucht im Zusammenhang mit Affären so häufig auf wie dieser: „Einmal Fremdgeher, immer Fremdgeher.“
Für viele Betroffene ist dieser Spruch ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht. Vor allem dann, wenn sie nach dem Auffliegen einer Affäre noch gar nicht wissen, wie es mit der Beziehung weitergehen soll. Denn natürlich stellt sich irgendwann die quälende Frage: Kann ich diesem Menschen jemals wieder vertrauen – oder wird er mich früher oder später sowieso wieder betrügen?
Ich kann gut verstehen, warum dieser Gedanke so viel Angst macht. Schließlich ist Fremdgehen ein massiver Vertrauensbruch. Und wenn man selbst gerade mitten in diesem Schmerz steckt, wirkt die Vorstellung, dass sich so etwas wiederholen könnte, kaum erträglich.
Trotzdem halte ich wenig von pauschalen Aussagen wie „Einmal Fremdgeher, immer Fremdgeher“. Nicht, weil ich Untreue verharmlosen möchte – sondern weil Menschen und Beziehungen meist komplexer sind als ein einziger Satz.
Ja, es gibt Menschen, die immer wieder fremdgehen
Natürlich gibt es Menschen, die ihre Partner wiederholt betrügen, Verantwortung von sich weisen und kein echtes Interesse daran haben, ihr Verhalten zu hinterfragen. Wenn du es mit jemandem zu tun hast, der lügt, manipuliert, keinerlei Reue zeigt und immer wieder dieselben Grenzen überschreitet, dann ist Vorsicht mehr als angebracht. Solche Fälle gibt es. Aber sie sind nicht automatisch die ganze Wahrheit über jeden Menschen, der einmal fremdgegangen ist.
Nicht jeder, der einmal fremdgeht, wird es wieder tun
Wenn man den Satz „Einmal Fremdgeher, immer Fremdgeher“ ernst nimmt, steckt dahinter die Annahme, dass Untreue eine feste Charaktereigenschaft ist – also etwas, das sich grundsätzlich nicht verändern lässt. So, als wäre ein Mensch, der einmal fremdgegangen ist, dauerhaft unfähig zu Ehrlichkeit, Bindung und Treue.
Ich halte diese Sicht für zu einfach.
Menschen handeln nicht im luftleeren Raum. Ihr Verhalten wird von vielen Dingen beeinflusst: von ihrer Persönlichkeit, ihren Mustern, ihrer Reife, ihrer Beziehungsfähigkeit, ihrem Umgang mit Konflikten, aber auch von Krisen, innerer Unzufriedenheit, fehlender Kommunikation oder mangelnder Selbstreflexion. Das entschuldigt eine Affäre nicht. Aber es zeigt, dass hinter Untreue sehr unterschiedliche Dynamiken stehen können.
Ein einmaliger Seitensprung in einer schweren Lebenskrise ist etwas anderes als jahrelanges Doppelleben mit mehreren Affären. Beides ist verletzend – aber es ist nicht dasselbe.
Entscheidend ist nicht nur die Affäre, sondern der Umgang danach
Die viel wichtigere Frage ist aus meiner Sicht nicht: „Ist ein Fremdgeher für immer ein Fremdgeher?“
Sondern: „Wie geht dieser Mensch mit dem, was passiert ist, um?“
Übernimmt dein Partner Verantwortung für sein Verhalten?
Zeigt er ehrliche Reue – nicht nur, weil er erwischt wurde, sondern weil er versteht, was er dir angetan hat?
Ist er bereit, sich selbst und eure Beziehung wirklich ehrlich anzuschauen?
Lässt er Taten auf Worte folgen?
Denn nur wenn jemand bereit ist, sich mit den Ursachen seines Verhaltens auseinanderzusetzen, kann echte Veränderung überhaupt möglich werden. Nicht aus Angst, dich zu verlieren. Sondern aus echter Einsicht und dem Wunsch, Dinge künftig anders zu machen.
Auch die betrogene Person darf irgendwann hinschauen – aber nicht sofort
Ich finde es wichtig, an dieser Stelle etwas klar zu sagen: Die Verantwortung für den Betrug liegt immer bei dem Menschen, der fremdgegangen ist. Punkt.
Trotzdem kann es im Verlauf der Aufarbeitung hilfreich sein, auch die Beziehung als Ganzes anzuschauen. Nicht, um Schuld umzuverteilen. Sondern um zu verstehen, in welchem Zustand eure Beziehung vor der Affäre war, welche Dynamiken es gab und was ihr – falls ihr euch für einen Neuanfang entscheidet – künftig anders machen möchtet.
Das bedeutet aber nicht, dass du direkt nach dem Auffliegen der Affäre „deinen Anteil“ suchen musst. In der ersten Zeit geht es erst einmal darum, den Schock zu verarbeiten, wieder Boden unter die Füße zu bekommen und überhaupt zu begreifen, was passiert ist.
Verhärte nicht in dem Gedanken, für immer beschädigt zu sein.
Nach einem solchen Vertrauensbruch ist es nur allzu verständlich, wenn man sich ohnmächtig, verletzt und ausgeliefert fühlt. Aber ich glaube trotzdem, dass es wichtig ist, dort nicht dauerhaft stehenzubleiben.
Du darfst trauern. Du darfst wütend sein. Du darfst schreien, weinen, zweifeln und verzweifelt sein. Aber ich wünsche dir, dass du irgendwann wieder in deine eigene Kraft zurückfindest – ganz unabhängig davon, wie es mit eurer Beziehung weitergeht.
Denn wenn du dauerhaft nur noch aus der Verletzung heraus auf dein Leben blickst, gibst du dem, was passiert ist, sehr viel Macht über deine Zukunft. Und genau diese Macht darfst du dir Schritt für Schritt zurückholen.
Ich selbst konnte mit diesem Satz irgendwann nichts mehr anfangen
Auch ich habe nach der Affäre meines Partners diesen Spruch mehr als einmal gehört – oft gut gemeint, aber selten hilfreich.
„Wer einmal betrügt, wird es immer wieder tun.“
„Mach dir nichts vor, so jemand ändert sich nicht.“
„Wie willst du dem jemals wieder vertrauen?“
Damals haben mich solche Sätze zusätzlich verunsichert. Heute sträuben sich mir eher die Nackenhaare, wenn ich sie höre. Nicht, weil ich naiv auf das Thema schaue, sondern weil ich weiß, wie schnell Menschen von außen urteilen – über Beziehungen, die sie gar nicht wirklich kennen.
Ich halte nichts von solchen Pauschalurteilen. Weder über Menschen, die betrogen wurden, noch über Menschen, die fremdgegangen sind. Dafür ist das Leben zu komplex. Und Beziehungen sind es erst recht.
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