Die Rolle der Geliebten in der Affäre

Wenn die Affäre deines Partners auffliegt, gibt es neben ihm plötzlich noch einen zweiten Menschen, der erstaunlich viel Platz in deinem Kopf bekommt: die andere Frau. Wer ist sie? Was hat sie, was ich nicht habe? Ist sie schöner? Jünger? Schlanker? Lustiger? Was hat er ihr erzählt? Wusste sie von mir? Und wie konnte sie sich auf einen Mann einlassen, von dem sie wusste, dass zu Hause eine Partnerin – vielleicht sogar eine ganze Familie – sitzt?
Dass deine Wut sich auch gegen sie richtet, finde ich ziemlich nachvollziehbar. Vor allem dann, wenn sie von dir wusste. Trotzdem lohnt es sich, bei einer Sache sehr klar zu bleiben: Dein Partner wurde nicht entführt. Er hatte eine Wahl.
Welche Verantwortung trägt die andere Frau?
Wenn eine Frau wissentlich eine Affäre mit einem vergebenen Mann beginnt, darfst du ihr Verhalten ziemlich daneben finden. Du musst sie nicht mögen, verstehen oder dir einreden, sie habe mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun. Natürlich hatte sie eine Rolle darin.
Aber sie hatte dir gegenüber nicht dieselbe Verantwortung wie dein Partner. Er war mit dir in einer Beziehung. Er kannte eure gemeinsame Geschichte, wusste, was für ihn auf dem Spiel stand, und entschied sich trotzdem immer wieder dafür, Grenzen zu überschreiten, zu lügen und die Affäre weiterzuführen.
Manchmal weiß die andere Frau anfangs allerdings nicht einmal, worauf sie sich eingelassen hat. Vielleicht erzählt der Mann, seine Beziehung sei praktisch vorbei, er bleibe nur noch wegen der Kinder oder die Trennung sei sowieso längst beschlossene Sache. Der Klassiker „Wir leben eigentlich nur noch nebeneinander her“ dürfte vermutlich schon einige Affären begleitet haben. Das macht die Affäre nicht harmloser. Es zeigt nur: Die Geschichte von der bösen Verführerin und dem armen Mann, der irgendwie hineingerutscht ist, ist meistens ziemlich bequem – vor allem für ihn.
Warum ausgerechnet sie?
Diese Frage kann einen wahnsinnig machen. Denn ziemlich schnell wird aus „Warum sie?“ ein „Was hat sie, was ich nicht habe?“. Vielleicht kennst du Fotos von ihr. Vielleicht hast du ihre Social-Media-Profile inzwischen so gründlich studiert, dass du theoretisch ihren nächsten Geburtstag organisieren könntest. Du vergleichst Haare, Figur, Alter, Beruf, Kleidung und irgendwann vermutlich sogar ihre verdammten Zähne.
Nur suchst du dabei nach einer logischen Erklärung für etwas, das sich über diesen Vergleich meistens gar nicht erklären lässt. Eine Affäre ist kein Casting, bei dem dein Partner zwei Frauen nebeneinandergestellt und anschließend die objektiv bessere ausgewählt hat. Oft geht es um das Gefühl, das in dieser heimlichen Welt entsteht: Aufmerksamkeit, Bestätigung, Leichtigkeit, Begehren oder schlicht Flucht aus dem Alltag. Die andere Frau begegnet ihm nicht zwischen Wäschebergen, Elternabend und der Frage, wer schon wieder vergessen hat, Klopapier zu kaufen. Das macht sie nicht besser als dich. Sie begegnet ihm schlicht in einer völlig anderen Situation.
Von außen kann sie trotzdem wie die große Gewinnerin wirken. Sie bekam seine Aufmerksamkeit, Nachrichten, Komplimente, vielleicht Sex und all die Seiten an ihm, die du in eurem Alltag schmerzlich vermisst hast. Während du zu Hause womöglich den Laden am Laufen gehalten hast, hatte sie mit ihm die schönen Stunden. Ja, das kann verdammt wehtun.
Nur sollte man eine Affäre nicht mit einer normalen Beziehung verwechseln. Heimliche Treffen, Hotelzimmer und Nachrichten zwischendurch haben wenig mit dem Dienstagabend zu tun, an dem das Kind kotzt, die Spülmaschine kaputtgeht und beide nach einem beschissenen Arbeitstag schlechte Laune haben. In einer Affäre lässt sich erstaunlich lange eine kleine Parallelwelt bauen. Irgendwann kommen aber auch dort Erwartungen, Eifersucht und die Frage auf, wie es eigentlich weitergehen soll.
Du musst deshalb kein Mitleid mit ihr haben. Aber die Vorstellung, sie sei die strahlende Siegerin und du die langweilige Verliererin, solltest du ruhig mal kräftig infrage stellen.
Wie viel solltest du über sie wissen?
Nach dem Auffliegen möchtest du vielleicht alles wissen. Wie sieht sie aus? Was arbeitet sie? Wo wohnt sie? Was haben die beiden miteinander gemacht? Was fand er an ihr attraktiv? Hat er sie geliebt? Ein Teil dieser Informationen kann wichtig sein, um die Affäre einzuordnen. Gerade wenn die andere Frau weiterhin im Leben deines Partners auftaucht – etwa weil sie eine Kollegin ist – brauchst du Klarheit darüber, wie der Kontakt künftig aussehen soll.
Aber irgendwann kippt Information in Selbstquälerei. Dann schaust du zum zwölften Mal ihr Profil an, vergleichst dich mit einem Foto von 2019 und versuchst aus irgendeinem Urlaubsbild herauszulesen, warum dein Partner seine Beziehung aufs Spiel gesetzt hat. Diese Antwort wirst du dort nicht finden.
Je mehr Raum die andere Frau in deinem Kopf bekommt, desto leichter wird sie zur Hauptfigur einer Geschichte, in der sie eigentlich gar nicht die Hauptfigur ist. Du darfst wütend auf sie sein, besonders wenn sie von dir wusste oder vielleicht sogar eure Familie kannte. Aber du musst nicht jedes Detail ihres Lebens kennen, um die Affäre deines Partners zu verstehen.
Die wichtigere Frage führt zurück zu ihm
Für die Aufarbeitung deiner Beziehung führt der Weg deshalb irgendwann weg von ihr und zurück zu deinem Partner. Warum hat er diese Grenze überschritten? Was hat er sich erzählt, damit die Affäre für ihn irgendwie okay wurde? Warum hat er weitergemacht und gelogen?
Und vor allem: Was hat er heute daraus verstanden?
Denn selbst wenn du irgendwann alles über die andere Frau weißt – ihre Kleidergröße, ihren Lebenslauf und welche Zahnpasta sie benutzt –, beantwortet das die entscheidende Frage nicht.
Nicht sie muss dir erklären, warum dein Partner fremdgegangen ist. Das muss er.
Deine Gedanken kreisen ständig um die andere Frau – und du vergleichst dich mit ihr, obwohl du genau das eigentlich nicht willst?
In meinem 115-seitigen Workbook für Betrogene bekommt genau dieses Thema seinen eigenen Raum. Du kannst sortieren, was die andere Person in dir auslöst, warum der Vergleich so verdammt hartnäckig ist – und wie du den Fokus Schritt für Schritt wieder weg von ihr und zurück zu dir bekommst.
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