Warum ich mich noch immer mit Affären beschäftige – obwohl meine eigene längst vorbei ist

„Sag mal, Julia, warum machst du das eigentlich?“
Diese Frage bekomme ich tatsächlich öfter gestellt. Meistens ungefähr so:
„Du hast die Affäre deines Mannes doch längst verarbeitet. Ihr seid zusammengeblieben, euer Leben geht weiter. Warum beschäftigst du dich dann Jahre später immer noch damit? Du schreibst Bücher, entwickelst Workbooks und betreibst einen ganzen Blog über Fremdgehen. Willst du das Thema nicht irgendwann einfach mal abhaken?“
Eine berechtigte Frage. Und ich kann verstehen, dass es von außen etwas merkwürdig aussieht. Andere Menschen verarbeiten ihre Beziehungskrise und widmen sich wieder erfreulicheren Dingen. Ich dagegen schreibe freiwillig über Kopfkino, Vertrauensbruch und die Frage, ob man nach einer Affäre noch einmal glücklich miteinander werden kann.
Aber ich habe meine Gründe. Und die haben viel mit meiner Einstellung zum Leben zu tun.
Ich weiß noch sehr genau, wie schlimm diese Zeit war
Als die Affäre meines Mannes aufflog, hatte ich zwei kleine Kinder und ein Leben, von dem ich dachte, dass ich ziemlich genau wüsste, wohin es führt. Wir hatten uns gemeinsam etwas aufgebaut, waren finanziell abgesichert und konnten unseren Kindern ein schönes Zuhause bieten. Wir hatten Pläne für die Zukunft und eigentlich allen Grund, zufrieden zu sein.
Natürlich war unsere Beziehung nicht perfekt. Wir hatten unseren Alltag, unsere Meinungsverschiedenheiten und Phasen, in denen wir uns als Paar zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Aber ich hatte nie daran gezweifelt, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen würden.
Und dann erfuhr ich, dass mein Mann eine Affäre hatte. Dass es neben unserem gemeinsamen Leben noch ein anderes gab, von dem ich nichts gewusst hatte. Plötzlich blickte ich auf die vergangenen Monate zurück und fragte mich, was davon eigentlich noch echt gewesen war. Von einem Moment auf den anderen war meine ganze Sicherheit weg. Ich hatte das Vertrauen in den Menschen verloren, mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Und damit stand auch unsere gemeinsame Zukunft infrage.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie verzweifelt ich damals war. Ich war verletzt, wütend, fassungslos und hatte gleichzeitig unglaubliche Angst vor dem, was jetzt kommen würde. Da waren zwei kleine Kinder, ein Mann, den ich trotz allem liebte, und die schreckliche Vorstellung, dass ich vielleicht alles verlieren würde, was bis dahin mein Leben ausgemacht hatte.
Ich konnte mir zeitweise kaum vorstellen, jemals wieder unbeschwert glücklich zu sein oder meinem Mann wieder zu vertrauen. Ich hätte damals viel dafür gegeben, wenn mir jemand hätte sagen können, dass mein Leben irgendwann wieder schön sein würde. Nicht mit der üblichen Floskel, dass die Zeit alle Wunden heilt. Sondern jemand, der diesen ganzen Mist selbst durchgemacht hat.
Heute weiß ich, dass ein Neuanfang möglich ist. Nicht, weil ich das irgendwo gelesen habe, sondern weil ich es selbst erlebt habe. Ich weiß, wie mühsam es sein kann, Vertrauen wieder aufzubauen. Aber ich weiß auch, dass man irgendwann wieder gemeinsam lachen, Pläne schmieden und sich aufeinander freuen kann. Dass aus einer Beziehung, die man zwischenzeitlich für völlig zerstört gehalten hat, tatsächlich wieder eine glückliche Partnerschaft werden kann.
Und genau deshalb beschäftige ich mich noch immer mit diesem Thema. Weil ich meine Erfahrungen und das Wissen, das ich mir über die Jahre angeeignet habe, an andere Betroffene weitergeben möchte.
Ich glaube an zweite Chancen. Aber nicht um jeden Preis.
Ich bin überzeugt, dass eine Beziehung nach einer Affäre wieder glücklich werden kann. Unter bestimmten Voraussetzungen sogar besser als vorher. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich eine Affäre für irgendeine wunderbare Gelegenheit halte, die man als Paar dankbar annehmen sollte.
Ich weiß, dass viele Beziehungen daran scheitern, und verstehe jeden Menschen, der nach einem solchen Vertrauensbruch nicht mehr bleiben möchte. Aber ich weigere mich, eine Affäre grundsätzlich als endgültiges Todesurteil für eine Beziehung zu betrachten.
Ich bin ein Mensch, der nicht so schnell aufgibt. Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, möchte ich wenigstens versucht haben, es zu retten. Ich möchte nicht Jahre später dasitzen und mich fragen, ob wir vielleicht doch noch eine Chance gehabt hätten. Das hat für mich nichts mit Naivität zu tun. Ich würde es eher einen ziemlich hartnäckigen Optimismus nennen.
Als ich mich damals entschied, unserer Beziehung noch eine Chance zu geben, wusste ich nicht, ob wir es schaffen würden. Aber unsere gemeinsame Geschichte bestand schließlich nicht nur aus dieser Affäre. Da waren viele schöne Jahre, unsere Kinder und all das, was wir uns zusammen aufgebaut hatten. Das konnte und wollte ich nicht einfach aus meinem Leben streichen.
Entscheidend war für mich, dass mein Mann Verantwortung übernahm und wir beide bereit waren, ernsthaft an unserer Beziehung zu arbeiten. Ich wollte keine schönen Versprechungen hören, die nach ein paar Wochen wieder vergessen sind. Ich wollte sehen, dass sich tatsächlich etwas verändert. Heute bin ich froh, dass wir diesen Weg gegangen sind.
Eine gute Beziehung fällt nicht einfach vom Himmel
Ich bin in einem sehr instabilen Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht hat das meine Einstellung zu Beziehungen stärker geprägt, als mir lange bewusst war. Ich weiß jedenfalls, dass eine stabile, liebevolle Partnerschaft nichts ist, was man einmal findet und dann für die nächsten vierzig Jahre besitzt.
Ich sehe viele Beziehungen scheitern, auch solche, in denen nie jemand fremdgegangen ist. Da leben zwei Menschen jahrelang nebeneinanderher, reden kaum noch richtig miteinander und interessieren sich immer weniger füreinander. Irgendwann ist von der Beziehung nicht mehr viel übrig, außer einer gemeinsamen Adresse und der Frage, wer am Wochenende den Einkauf erledigt.
Natürlich sollte Liebe nicht nur aus Arbeit bestehen. Ich möchte mit meinem Partner lachen, verreisen, Unsinn machen und das Leben genießen. Aber eine langfristig gute Beziehung braucht eben auch Aufmerksamkeit, ehrliche Gespräche, Kompromisse und die Bereitschaft, sich mit den eigenen unangenehmen Seiten auseinanderzusetzen.
Und damit meine ich nicht, einmal im Jahr beim romantischen Abendessen zu beschließen, dass man künftig wieder mehr miteinander reden möchte. Ich meine, es dann tatsächlich zu tun. Auch wenn man gerade genervt ist oder fest davon überzeugt, dass eigentlich der andere anfangen müsste.
Die Affäre hat mir gezeigt, wie wenig es bringt, immer nur darauf zu schauen, was der andere falsch macht. Natürlich war die Entscheidung für die Affäre die meines Mannes. Daran gibt es nichts herumzudiskutieren. Aber für unseren Neuanfang mussten wir irgendwann auch unsere Beziehung vor der Affäre anschauen. Und da gab es durchaus Dinge, die wir beide hätten besser machen können.
Warum behandeln wir eine Affäre anders als andere Vertrauensbrüche?
Bei einer Affäre sind viele Menschen erstaunlich schnell mit ihrem Urteil: „Wer einmal betrügt, macht es wieder.“ „Dem kannst du nie wieder vertrauen.“ „Ich wäre sofort weg.“ Ich verstehe diese Reaktionen. Eine Affäre verletzt zutiefst. Aber warum gehen wir bei anderen schweren Vertrauensbrüchen manchmal ganz anders mit der Frage nach einer zweiten Chance um?
Ich möchte dir dazu eine Geschichte erzählen. In meinem Freundeskreis gibt es ein Ehepaar mit Kindern. Der Mann war spielsüchtig. Über ein Jahr lang ging er heimlich ins Casino und spielte zusätzlich auf seinem Handy. Seine Frau wusste nichts davon. Am Ende hatte er einen sechsstelligen Betrag verspielt. Sämtliche Ersparnisse der Familie. Geld, das sie über Jahre zurückgelegt hatten, weil sie sich eine Immobilie kaufen wollten.
Aufgeflogen ist die ganze Sache, als seine Frau beim Einkaufen stand und ihre EC-Karte nicht mehr funktionierte. Stell dir das einmal vor. Du gehst ganz normal einkaufen und erfährst anschließend, dass dein Mann über ein Jahr lang ein Doppelleben geführt, dich belogen und eure finanzielle Zukunft verspielt hat. Das Geld war weg, das Vertrauen ebenfalls und die Pläne für das Haus konnten sie erst einmal begraben. Für mich ist das ein gewaltiger Vertrauensbruch.
Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir bei solchen Geschichten häufig anders reagieren als bei einer Affäre. Da sprechen wir über Sucht, Ursachen, Behandlung und darüber, ob die Familie noch eine Chance hat. Und das ist auch richtig so. Spielsucht ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die vieles erklärt, ohne den Schaden für die Familie ungeschehen zu machen. Aber warum gestehen wir Menschen nach manchen schweren Vertrauensbrüchen die Möglichkeit zu, sich zu verändern, während bei einer Affäre oft sofort feststeht, dass die Beziehung keine Zukunft mehr haben kann?
Natürlich sind Spielsucht und eine Affäre nicht dasselbe. Und niemand muss einen Vertrauensbruch verzeihen. Mir geht es um etwas anderes: Menschen können schwere Fehler machen, großen Schaden anrichten und sich trotzdem verändern. Ob das tatsächlich gelingt, muss sich zeigen. Aber ich möchte diese Möglichkeit nicht von vornherein ausschließen.
Es gibt Schicksalsschläge, bei denen es keine zweite Chance gibt
Jetzt komme ich zu einem Gedanken, der möglicherweise nicht jedem gefallen wird. So schlimm eine Affäre auch ist – und ich weiß wirklich, wie schlimm sie sein kann –, sie ist nicht das Schlimmste, was einem Menschen im Leben passieren kann. Das bedeutet nicht, den Schmerz eines betrogenen Menschen kleinzureden. Als ich selbst mittendrin steckte, hätte ich für solche Vergleiche vermutlich auch wenig Verständnis gehabt.
Aber es gibt Eltern, die um das Leben ihres schwer kranken Kindes bangen. Menschen, die im Krieg alles verloren haben. Und Schicksalsschläge, die einem von einer Sekunde auf die andere das gesamte bisherige Leben nehmen.
Eine sehr gute Freundin von mir hat vor ungefähr zehn Jahren ihren Mann verloren. Ganz plötzlich. Herzinfarkt. Die beiden hatten eine wundervolle Beziehung, zwei Kinder und ein schönes gemeinsames Leben. Ihre Kinder waren damals sechs und zwölf Jahre alt. Und dann war er tot. Von jetzt auf gleich.
Kein letztes Gespräch, bei dem man noch einmal alles klären konnte. Keine Möglichkeit, an der Beziehung zu arbeiten. Keine zweite Chance. Sie blieb mit zwei Kindern zurück und musste ein Leben weiterführen, das so überhaupt nicht geplant gewesen war.
Wenn ich an sie denke, relativiert sich für mich vieles. Nicht, weil meine eigene Erfahrung dadurch plötzlich harmlos geworden wäre. Sondern weil mir bewusst wird, wie wertvoll die Möglichkeit ist, überhaupt noch etwas verändern zu können.
Mein Mann und ich konnten miteinander reden, streiten, weinen, Fehler eingestehen und versuchen, es besser zu machen. Wir haben noch eine gemeinsame Zukunft, über die wir selbst entscheiden können. Meine Freundin hatte diese Möglichkeit nicht mehr. Und deshalb bin ich vorsichtig damit geworden, eine Beziehung vorschnell für verloren zu erklären, solange auf beiden Seiten noch Liebe und die ernsthafte Bereitschaft vorhanden sind, etwas zu verändern.
Manchmal benehmen wir uns, als hätten wir unendlich viel Zeit
Die Geschichte meiner Freundin hat mich auch über etwas anderes nachdenken lassen: Womit verbringen wir eigentlich unsere kostbare Lebenszeit?
Wie oft regen wir uns über völligen Kleinkram auf? Da wird tagelang gebockt, weil der andere irgendeinen blöden Satz gesagt hat. Man besteht auf seinem Recht, zählt alte Verfehlungen auf und wartet darauf, dass der Partner gefälligst einsieht, wie unmöglich er sich verhalten hat. Und plötzlich sind wieder drei Tage vorbei, an denen man auch einfach eine schöne Zeit miteinander hätte verbringen können.
Ich nehme mich da überhaupt nicht aus. Ich kann ebenfalls stur sein. Und manchmal merke ich erst hinterher, wie albern ein Streit eigentlich war. Natürlich gehören manche Konflikte geklärt. Aber längst nicht jeder Streit verdient drei Tage schlechte Laune.
Wir tun häufig so, als hätten wir für all das unbegrenzt Zeit. Haben wir aber nicht. Das klingt jetzt ein bisschen nach Kalenderweisheit, ich weiß. Leider wird es dadurch nicht weniger wahr. Keiner von uns weiß, wie lange er mit seinem Partner, seinen Kindern oder anderen wichtigen Menschen zusammen sein darf.
Und ich finde, das sollte man sich gelegentlich bewusst machen. Nicht aus Angst vor dem, was passieren könnte. Sondern damit man das, was man heute hat, nicht ständig für selbstverständlich hält.
Wenn du selbst gerade versuchst, die Affäre deines Partners oder deiner Partnerin zu verarbeiten, habe ich dafür mein Workbook „Du wurdest betrogen. Verletzt. Verunsichert. Und jetzt?“ entwickelt. Darin findest du neben meinen Erfahrungen konkrete Fragen und Übungen, die dir helfen können, deine Gedanken zu sortieren und herauszufinden, wie dein persönlicher Weg weitergehen soll.
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