Mein Partner hatte eine Affäre – warum hat er ihr so viel über unsere Beziehung erzählt?

Verzweifelte Frau hält den Kopf in den Händen und symbolisiert das Gedankenkarussell nach einer Affäre.

Dass dein Partner eine Affäre hatte, ist schon schlimm genug. Aber irgendwann erfährst du womöglich noch etwas, das auf eine ganz andere Art wehtut: Sie wusste Dinge über eure Beziehung. Über dich. Vielleicht sogar über eure Kinder. Sie wusste, worüber ihr euch zu Hause gestritten habt, dass es zwischen euch im Bett gerade nicht besonders gut lief oder was ihn an dir störte. Vielleicht kannte sie eure Urlaubspläne, wusste, wie eure Kinder heißen, was sie gerne machen oder dass eines von ihnen gerade Probleme in der Schule hatte. Und du sitzt da und denkst: Moment mal. Du hast mich nicht nur mit dieser Frau betrogen. Du hast ihr auch noch von unserem Leben erzählt?


Ich finde, das ist noch einmal eine ganz eigene Form der Verletzung. Denn diese Frau war für dich eine Fremde. Du hast sie nicht in dein Leben eingeladen und ganz sicher nicht entschieden, welche persönlichen Dinge sie über dich oder eure Familie erfahren darf. Trotzdem hatte sie plötzlich Einblick in einen sehr privaten Teil deines Lebens. Gerade wenn es um die eigenen Kinder geht, kann das besonders empfindlich treffen. Die hatten mit der Affäre überhaupt nichts zu tun – und trotzdem waren sie möglicherweise Gesprächsthema in einer heimlichen Beziehung, von deren Existenz du nicht einmal wusstest.


Besonders unangenehm wird es, wenn du nach und nach erfährst, welches Bild dein Partner ihr von eurer Beziehung vermittelt hat. Vielleicht hat er erzählt, dass du ständig genervt bist, ihn nicht mehr verstehst oder er sich von dir nicht mehr begehrt fühlt. Möglicherweise klang eure Beziehung in seinen Erzählungen wie eine einzige Ansammlung von Problemen, bei der man sich fast wundern muss, dass ihr morgens überhaupt noch gemeinsam am Küchentisch sitzen konntet. Und irgendwann fragst du dich: Entschuldigung, in welcher Beziehung warst du eigentlich?


Natürlich kann es bei euch schwierig gewesen sein. Vielleicht habt ihr tatsächlich viel gestritten, euch voneinander entfernt oder seid bei manchen Themen seit Jahren nicht weitergekommen. Dein Partner darf eure Beziehung auch anders erlebt haben als du. Aber seine Sicht darauf ist eben genau das: seine Sicht. Die andere Frau kennt nicht eure Beziehung, sondern das, was er ihr darüber erzählt hat.


Sie war nicht dabei, als ihr nach der Geburt eures Kindes völlig überwältigt und heulend zusammen im Krankenhausbett lagt. Sie hat nicht erlebt, wie ihr euch gegenseitig gehalten habt, als ein Elternteil gestorben ist, wie ihr nach Monaten voller Lernstress zusammen auf das bestandene Examen angestoßen habt oder mit Anfang zwanzig und kaum Geld im Rucksack durch Asien gereist seid und euch nachts im viel zu kleinen Zelt aneinandergekuschelt habt, während draußen der Regen herunterkam. Sie kennt nicht den ersten gemeinsamen Kühlschrank, die Wohnung, in der das Schlafzimmer gleichzeitig Arbeitszimmer war, die Krisen, die ihr miteinander durchgestanden habt, und die tausend kleinen Geschichten, über die ihr heute noch lachen könnt.


Eine langjährige Beziehung besteht eben nicht nur aus der Frage, wie oft man gerade Sex hat oder wer beim letzten Streit was gesagt hat. Sie besteht aus einer gemeinsamen Geschichte. Und die lässt sich nicht in ein paar Gesprächen mit der Affäre zusammenfassen.


Und dann gibt es noch einen Punkt, über den erstaunlich selten gesprochen wird: Während einer Affäre kann diese gemeinsame Geschichte plötzlich erstaunlich klein werden, während alles, was gerade nicht gut läuft, riesengroß erscheint. Aus „Wir haben gerade wenig Sex“ wird „Zwischen uns läuft schon ewig nichts mehr“. Aus „Wir streiten in letzter Zeit häufiger“ wird „Wir verstehen uns überhaupt nicht mehr“. Und aus einer Beziehung, in der vielleicht gerade einiges schiefläuft, die aber zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre gemeinsames Leben in sich trägt, wird in der Erzählung irgendwann eine Partnerschaft, die angeblich ohnehin schon lange am Ende war.


Das heißt nicht unbedingt, dass dein Partner ihr bewusst irgendwelche Märchen über eure Beziehung erzählt hat. Manchmal redet man sich die eigene Beziehung auch selbst schlechter, weil sich die Affäre dann leichter rechtfertigen lässt. Denn sich einzugestehen: „Eigentlich ist meine Beziehung gar nicht so schlecht und trotzdem betrüge ich meine Partnerin“ ist ziemlich unbequem. Viel einfacher ist die Erklärung: „Wir sind sowieso schon lange unglücklich. Zwischen uns läuft nichts mehr.“ Dann wirkt die Affäre plötzlich weniger wie die eigene Entscheidung und mehr wie die Folge einer Beziehung, die angeblich ohnehin schon kaputt war.


Und natürlich muss diese Geschichte auch gegenüber der Affärenperson irgendwie funktionieren. „Meine Partnerin ist eigentlich toll, wir verstehen uns meistens gut, hatten am Wochenende Sex und planen gerade unseren nächsten Urlaub. Ach übrigens, wann sehen wir uns wieder?“ dürfte die Stimmung nicht unbedingt anheizen. Wenn die andere Frau dagegen immer wieder hört, wie unverstanden, ungeliebt oder unglücklich dieser Mann zu Hause angeblich ist, bekommt die Sache eine ganz andere Geschichte. Dann ist sie nicht einfach die Frau, mit der ein vergebener Mann seine Partnerin betrügt. Sie ist diejenige, die ihn endlich versteht, ihm zuhört und ihm das gibt, was ihm angeblich schon ewig fehlt. Ein „Ach, der Arme“ funktioniert für eine Affäre nun einmal deutlich besser als „Eigentlich hat er zu Hause eine ziemlich gute Beziehung“.


Das heißt nicht, dass jede Affärenperson alles glaubt oder jeder Fremdgeher seine Beziehung bewusst schlechtmacht. Aber wenn zwei Menschen eine heimliche Beziehung führen, kann eine solche Geschichte für beide ziemlich praktisch sein. Und wenn man sie sich oft genug gegenseitig erzählt und bestätigt, kann sie irgendwann sogar für einen selbst immer wahrer klingen.


Für dich kann das im Nachhinein besonders absurd sein, wenn du dieselbe Zeit völlig anders in Erinnerung hast. Vielleicht gab es Probleme, ja. Gleichzeitig wart ihr vier Monate vorher noch im Familienurlaub, habt Weihnachten bei den Eltern geplant, euch eine neue Couch ausgesucht oder darüber gesprochen, wo ihr nächsten Sommer hinfahrt. Und dann erfährst du, dass dein Partner seiner Affäre erzählt hat, zwischen euch sei „eigentlich schon lange nichts mehr“.


Da darf man sich durchaus fragen, ob ihr in zwei verschiedenen Beziehungen gelebt habt – oder ob die Geschichte mit zunehmender Affäre einfach immer ein bisschen besser zur Affäre gepasst hat.


Was sie über dich denkt, kannst du ohnehin nicht kontrollieren. Entscheidend ist etwas anderes: Wenn dein Partner intime Dinge über dich, eure Beziehung oder eure Kinder weitergegeben hat und dich das verletzt, darfst du das klar benennen. Und du darfst ihn fragen, was sie tatsächlich wusste. Nicht, um jedes Gespräch zwischen den beiden nachträglich zu rekonstruieren, sondern weil auch das zu dem gehört, was du jetzt erst einmal einordnen musst.


Vor allem aber musst du seine damalige Beschreibung eurer Beziehung nicht plötzlich zu deiner eigenen machen. Es kann echte Probleme gegeben haben – und trotzdem kann er sie gegenüber seiner Affäre größer, dramatischer oder einseitiger dargestellt haben. Dass er ihr eure Beziehung auf eine bestimmte Weise erzählt hat, macht diese Version nicht automatisch zur Wahrheit.



Und was ist mit dir?

Wenn sich nach der Affäre eine Frage an die nächste hängt und du endlich Ordnung in dieses verdammte Gedankenchaos bringen möchtest, habe ich genau dafür mein 115-seitiges Workbook „Du wurdest betrogen. Verletzt. Verunsichert. Und jetzt?“ geschrieben.

Keine Durchhalteparolen. Keine Entscheidung für dich. Sondern konkrete Hilfe, damit du herausfindest, was du jetzt brauchst und wie es für dich weitergehen soll.

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